„Ältere Menschen“, die unterschätzte Zielgruppe mit großer gesellschaftlicher, politischer und wirtschaftlicher Macht
Wenn irgendwo noch vom „grauen Rand“ geredet wird, lohnt sich ein kurzer Realitätscheck: „Ältere Menschen“ sind längst kein Nebenschauplatz mehr. Sie sind ein riesiger Teil der Bevölkerung, sie wählen, sie arbeiten, sie konsumieren, sie investieren, sie erben, sie vererben. Und sie prägen damit ganz konkret, wie Deutschland, Österreich, Schweiz, Europa und die Welt in den nächsten Jahren aussieht.

Das Problem ist nicht fehlende Bedeutung. Das Problem ist fehlende Wahrnehmung. Und zwar die Eigen- als auch die Fremdwahrnehmung. Da muss sich einiges dringend ändern!
Wer sind „ältere Menschen“ eigentlich wirklich?
Im Alltag wird oft ab 50plus von „älter“ gesprochen, in der Statistik meist ab 65. In Deutschland lag der Anteil der 65plus-Gruppe 2024 bei rund 23 Prozent. Das ist fast jeder vierte Mensch in Deutschland!
Wichtig dabei ist: Diese Gruppe der „älteren Menschen“ ist nicht „eine“ Zielgruppe. Sie ist ein ganzer Kontinent aus Lebenslagen. Da sind frisch Ausgestiegene aus dem Job, Selbstständige mit Freude am Arbeiten, Eltern und Großeltern im Dauereinsatz, Alleinlebende, Paare, Pflegeverantwortliche, Abenteurer, Reisende, Vorsichtige, Vermögende, Hedonisten, Einsame und Menschen, die jeden Euro dreimal umdrehen müssen und die Rentenlücke massiv fürchten oder schon erleiden. Wer all diese unterschiedlichen Menschen in einen Topf „alt“ wirft, versteht weder Psychologie, Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, noch Markt.
Politische Macht: Wer wählt, bestimmt
Politische Macht beginnt nicht in Talkshows und in Social Media. Sie beginnt am Wahltag.
Bei der Bundestagswahl 2025 gab es insgesamt rund 60,5 Millionen Wahlberechtigte. Davon entfielen rund 11,54 Millionen auf die Gruppe 60 bis 69 und rund 14,24 Millionen auf 70plus. Zusammen sind das rund 25,78 Millionen Menschen, also etwa 42,6 Prozent aller Wahlberechtigten.
Das ist die mathematische Seite. Die praktische Seite ist mindestens genauso relevant: Ältere menschen sind eine extrem verlässliche Wählergruppe. Deren Gesamt-Wahlbeteiligung lag 2025 bei 82,5 Prozent. Was das bedeutet? Ganz simpel: Keine Partei kann es sich leisten, diese Gruppe der „älteren Menschen“ zu ignorieren. Renten, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Sicherheit, Infrastruktur, aber auch Digitalisierung, Verbraucherschutz und Teilhabe sind nicht „Seniorenthemen“. Es sind hingegen Mehrheits- und Zukunftsthemen.
Die wirtschaftliche Macht „älterer Menschen“: Vermögen, Konsum, Erbschaften
1) Vermögen: Ein großer Teil liegt im höheren Alter
Viele Vermögenskurven sind Lebenskurven: aufbauen, halten, später vorsichtiger werden. In Daten sieht man das deutlich. Das Institut der deutschen Wirtschaft zeigt für Deutschland das höchste Medianvermögen in der Gruppe 55 bis 64 Jahre, mit 241.100 Euro.
Auch die Bundesbank kommt mit dem Panel on Household Finances (PHF) zu einem klaren Bild: Im Schnitt liegt das Nettovermögen in den Gruppen 55 bis 64 sowie 65 bis 74 höher als bei Jüngeren.
Diese Zahlen sagen nicht: „Alle Älteren sind reich.“ Sie sagen: In Summe steckt in dieser Altersphase sehr viel Substanz. Und Substanz ist Macht, für Haushalte, aber auch für Märkte und Politik.
2) Konsum: 50plus ist keine Nische, sondern ein Schwergewicht
Marktforscher weisen seit Jahren darauf hin, wie groß die ökonomische Bedeutung von Ü50 ist. Die Gesellschaft für innovative Marktforschung (GIM) beziffert den Anteil der Über 50 Jährigen an der privaten Kaufkraft in Deutschland mit rund 60 Prozent und betont, dass sie über die Hälfte der Konsumausgaben verantworten.
Und das ist nicht abstrakt. In einzelnen Märkten wird es sehr konkret: ARD Media verweist etwa darauf, dass 50plus in großen Konsumbereichen wie Lebensmitteleinzelhandel, Elektrogeräte, Haus und Wohnen sowie Automobil besonders hohe Ausgabenanteile stellt.
Wenn Marketing und Produktentwicklung weiter so tun, als sei „relevant“ gleich „unter 35“, ist das kein Stilproblem. Das ist ein betriebswirtschaftlicher Fehler. Auch deshalb läuft so viel falsch in der Wirtschaft und im Marketing.
3) Erbschaften und Schenkungen: Der größte Vermögenstransfer läuft bereits
Ein Machtfaktor, der oft unterschätzt wird, ist der Generationentransfer. Das Statistische Bundesamt meldete für 2023 einen neuen Höchstwert beim vererbten und verschenkten Vermögen. Für 2024 meldete Destatis außerdem eine Rekordsumme bei der festgesetzten Erbschaft und Schenkungsteuer.
Das hat zwei Folgen:
- Familienentscheidungen werden finanziell stark von 50plus geprägt.
- Politische Debatten über Steuern, Pflegekosten, Wohneigentum, Förderung und soziale Gerechtigkeit hängen immer stärker an dieser Vermögensbewegung. Dennoch wird diese Wahrheit permanent ignoriert.
Warum wird diese Macht der „älteren Menschen“ so oft übersehen?
Weil die etablierten, aber überkommenen Altersbilder hartnäckig sind.
Viele Köpfe springen beim Wort „alt“ sofort zu Pflege, Gebrechlichkeit, Rückzug. Das ist ein Teil der Realität, aber eben nur ein Teil. Das Bundesfamilienministerium hat genau deshalb die Initiative „Neue Bilder vom Alter“ angestoßen, um differenziertere und realistischere Altersbilder zu fördern. Der Erfolg dieser öffentlich geförderten Initiative ist aber mehr als überschaubar. Auch aus diesem Grund wurde das 50plus Portal Silvertimes.de gegründet
Im deutschsprachigen Raum wächst (zu) langsam der Druck, das Bild vom Alter fairer zu erzählen:
- In Österreich setzen die a·g·e Awards explizit auf Sensibilisierung und auch auf Impulse für Medien, Arbeitswelt und Gesellschaft.
- In der Schweiz vernetzt Intergeneration generationenübergreifende Projekte und macht Austausch sichtbar.
Solche Initiativen sind aber nicht mehr als nette Kampagnen. Sie wirken kaum gegen Ageismus. Aber Ageismus kostet, menschlich, politisch und wirtschaftlich.
Digitale Macht: Wer online ist, ist sichtbarer
Die digitale Realität hat sich massiv verschoben. Laut SIM-Studie 2024 sind 87 Prozent der Menschen ab 60 online. In der Gruppe 80plus sind es 62 Prozent.
Das ist wichtig, weil digitale Teilhabe heute über vieles entscheidet: Information, Zugang zu Services, Terminbuchungen, Bankgeschäfte, Austausch, Vereinsleben, Engagement. Der achte Altersbericht der Bundesregierung beschreibt Chancen und Risiken der Digitalisierung im Alter sehr deutlich – ohne aber konkrete Maßnahmen gegen die Altersdiskriminierung aufzuzeigen.
Online-Kontakte: gut als Brücke, schwach als reiner Ersatz
Was zeigen Studien zu „älteren Menschen online“ insgesamt?
- Kommunikationstechnologien können Einsamkeit und Isolation reduzieren, aber die Evidenz ist nicht immer eindeutig.
- Soziale Technologienutzung hängt bei älteren Erwachsenen oft mit besserem Wohlbefinden und weniger depressiven Symptomen zusammen, und ein wichtiger Mechanismus ist reduzierte Einsamkeit.
- Gleichzeitig gibt es neuere Meta-Analysen, die zeigen: Der Zusammenhang zwischen Social-Media-Nutzung und Einsamkeit ist nicht automatisch „je mehr desto besser“, sondern insgesamt komplex und stark davon abhängig, wie und wofür Social Media genutzt wird.
Konkret für dich:
- Offline-Kontakte liefern die tiefste emotionale Qualität. Blickkontakt, Berührung, gemeinsames Tun, Verlässlichkeit, Romantik, Austausch, Vertrauen.
- Online-Kontakte sind eine geniale Ergänzung. Für Entfernung, Mobilität, spontane Hilfe, Gruppen, Verabredungen.
- Gefährlich wird es, wenn online zum Dauerersatz wird. Dann droht digitale Einsamkeit, trotz Dauerbeschallung.
Ein Prinzip, das sich bewährt hat, lautet: online verabreden und austauschen, offline vertiefen.

Was du aus all diesen Vorurteilen und Diskriminierungen als vermeintlich „älterer Mensch“ mitnehmen kannst
1) Unterschätze deine Stimme nicht!
Wenn rund 43 Prozent der Wahlberechtigten 60plus sind, ist politischer Einfluss keine Theorie, sondern eine tägliche Realität.
2) Unterschätze deinen Marktwert nicht!
Ob als Kunde, als Auftraggeber, als Entscheider, als Bewerter, als Weiterempfehler. Unternehmen, die 50plus ernst nehmen, bauen stabiler als die, die nur auf die nächste Jugendwelle hoffen.
3) Unterschätze deine Sichtbarkeit nicht!
Du musst nicht Influencer werden (aber warum eigentlich nicht?!). Aber du kannst online Räume besetzen, in denen sonst über dich statt mit dir gesprochen wird. Und du kannst digitale Tools so nutzen, dass sie dein echtes Leben leichter machen, nicht kleiner.
Wer bestimmt eigentlich, wer ein „älterer Mensch“ ist?
Niemand bestimmt das ein für alle mal! Ob du als „älterer Mensch“ giltst, hängt davon ab, wer die Frage stellt und wofür.
1) Statistik und Demografie bestimmen das Alter oft über eine Zahl
Für Vergleiche braucht Statistik klare Schnittstellen, auch wenn sie grob sind.
- Deutschland: Das Statistische Bundesamt arbeitet in vielen Übersichten mit 65 Jahren und älter (65plus).
- EU und OECD: In Kennzahlen wie dem Altenquotienten gilt meist 65plus als „älter“.
- UN Kontext: International wird häufig 60plus verwendet, um weltweit vergleichbar zu bleiben, auch weil Lebensverläufe und Lebenserwartung stark variieren.
2) Recht und Sozialpolitik bestimmen das Alter über Ansprüche
Im Alltag ist „alt“ oft das Alter, ab dem sich Rechte und Pflichten ändern.
- Beispiel Rente: Die Regelaltersgrenze wird in Deutschland schrittweise auf 67 angehoben, abhängig vom Geburtsjahrgang.
Das ist kein biologischer Schalter, sondern eine politische und rechtliche Festlegung.
3) Medizin und Forschung bestimmen das Alter eher funktional
In der Gerontologie zählt nicht nur Kalenderalter, sondern Fragen wie:
- Wie fit und selbstständig bist du?
- Welche Ressourcen, welche Einschränkungen?
- Wie ist dein soziales Netz?
Darum arbeiten viele Studien mit Untergruppen wie 65 bis 74, 75 bis 84, 85plus, weil „65plus“ zu unterschiedlich ist.
4) Gesellschaft und Kultur bestimmen das Alter über Rollenbilder
„Alt“ kann heißen: im Ruhestand, Großelternrolle, weniger Erwerbsarbeit, mehr Pflegeverantwortung, aber auch: Neustart, Freiheit, Engagement. Das ist stark milieu- und kulturabhängig und ändert sich aktuell massiv und sichtbar.
5) Du selbst bestimmst dein Alter über dein Selbstbild und deinen Alltag 50plus
Viele Menschen erleben einen Unterschied zwischen „Ich bin x Jahre alt“ und „Ich fühle mich alt“. Das Selbstbild hängt oft stärker an Gesundheit, Sinn, Beziehungen und Teilhabe als an einer Zahl.

Merksatz:
Statistik braucht eine Grenze, der Staat braucht Regeln, Forschung braucht Vergleichbarkeit. Dein Leben aber braucht vor allem eines: eine Definition, die zu deiner Realität, deinen Gefühlen und deiner subjektiven Individuellen Einschätzung passt.
