Ältere Leute

Wir „älteren Leute“ sind die unterschätzte Zielgruppe mit enormer politischer und wirtschaftlicher Macht – machen wir endlich etwas daraus!

Das eigentliche Problem ist nicht fehlende Bedeutung. Das Problem ist fehlende Wahrnehmung. Von außen, aber oft auch von innen.

Wer gehört überhaupt zu den „älteren Leuten“ und wer bestimmt das?

Die ehrliche Antwort lautet: niemand endgültig. „Älter“ ist keine Naturkonstante, sondern ein Etikett, das je nach Zweck anders gesetzt wird.

1) Statistik braucht Schnittkanten, deshalb arbeitet sie mit Zahlen.
In Deutschland nutzt das Statistische Bundesamt für viele Übersichten „65 Jahre und älter“ als gängige Grenze. 2024 lag der Anteil der 65plus Gruppe bei rund 23 Prozent. Das ist fast jeder vierte Mensch.

International wird je nach Institution anders gezählt. Die OECD definiert beim Altenquotienten typischerweise „65 Jahre oder älter“ im Verhältnis zur Bevölkerung im Arbeitsalter.

2) Staat und Sozialpolitik setzen Grenzen über Ansprüche.
Rente, Krankenversicherung, Pflege, Steuerregeln, Schwerbehindertenrecht: Vieles hängt an festen Altersmarken. Diese Marken sind politisch festgelegt, nicht biologisch.

3) Medizin und Altersforschung denken stärker funktional.
In der Gerontologie zählt neben dem Kalenderalter oft: Wie selbstständig bist du, wie ist deine Mobilität, wie stabil ist dein soziales Netz, wie gut kommst du im Alltag zurecht? Darum teilen viele Studien „65plus“ weiter auf, weil diese Gruppe sonst zu unterschiedlich ist.

4) Kultur und Gesellschaft definieren „alt“ über Rollenbilder.
Ruhestand, Großelternrolle, Pflegeverantwortung, aber auch Neustart, Freiheit, Engagement. Was als „alt“ gilt, ist milieuabhängig, regional verschieden und verändert sich gerade sichtbar.

5) Und ja: du selbst bestimmst mit, ob du dich „älter“ fühlst.
Viele erleben einen riesigen Unterschied zwischen „Ich bin 65“ und „Ich fühle mich alt“. Das Selbstbild hängt oft stärker an Gesundheit, Sinn, Beziehungen und Teilhabe als an einer Zahl.

Merksatz: Statistik braucht eine Grenze, der Staat braucht Regeln, Forschung braucht Vergleichbarkeit. Dein Leben braucht vor allem eine Definition, die zu deiner Realität passt.

Ein wahrer „Kontinent“ statt einer homogenen Zielgruppe: warum „ältere Leute“ nie „eine“ Gruppe sein werden

Wer 50plus oder 60plus in einen Topf wirft, versteht weder Psychologie noch Markt. In diesem „Kontinent“ findest du alles: frisch aus dem Job raus, selbstständig mit Lust aufs Arbeiten, Familienmanager mit Enkeln, Alleinlebende, Paare, pflegende Angehörige, Reisefans, vorsichtige Planer, Vermögende, Menschen mit Rentenangst, Menschen mit gesundheitlichen Einschränkungen, Menschen mit hoher Bildung und digitaler Power, aber auch Menschen, die offline sind oder sich abgehängt fühlen.

Genau diese Vielfalt ist der Kern der Macht. Denn sie führt dazu, dass ältere Leute nicht nur „mitlaufen“, sondern strukturell relevant werden: im Wahlkampf, in Märkten, in Kommunalpolitik, im Gesundheitswesen, im Wohnungsmarkt, in der Freiwilligenarbeit.

Politische Macht: wer wählt, bestimmt

Politische Macht beginnt nicht in Talkshows. Sie beginnt am Wahltag.

Bei der Bundestagswahl 2025 waren laut bpb rund 42,6 Prozent der Wahlberechtigten 60 Jahre oder älter. Und die Wahlbeteiligung lag bei 82,5 Prozent.

Das ist die Mathematik. Die Praxis ist noch spannender: Ältere Leute sind in vielen Demokratien eine besonders stabile Wählergruppe. Wer diese Realität ignoriert, kann keine Mehrheiten bauen. Darum sind Rente, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Sicherheit, Infrastruktur, aber auch Digitalisierung und Verbraucherschutz keine „Seniorenthemen“. Das sind Mehrheits und Zukunftsthemen.

Wichtiger psychologischer Punkt: Viele unterschätzen ihren Einfluss, weil sie sich als einzelne Person sehen. Politik reagiert aber auf Muster, nicht auf Einzelpersonen. Und das Muster ist eindeutig: Diese Altersgruppen sind groß, sie sind organisiert, sie sind wahlstark.

Wirtschaftliche Macht: Vermögen, Konsum, Erbschaften

Jetzt wird es unbequem für viele Marketingabteilungen, aber auch für manche Medienlogik.

1) Vermögen: viel Substanz liegt im höheren Alter, aber nicht gleich verteilt.
Vermögen ist in Deutschland sehr ungleich verteilt, das muss man immer dazusagen. Gleichzeitig zeigen Daten: In bestimmten Lebensphasen ist besonders viel Substanz gebündelt. Das Institut der deutschen Wirtschaft weist für die Altersgruppe 55 bis 64 ein besonders hohes Medianvermögen aus (241.100 Euro).

Das heißt nicht: „Ältere sind reich“. Es heißt: In Summe liegt in diesen Jahrgängen sehr viel ökonomische Entscheidungsmasse, die Märkte bewegen kann, von Immobilien bis Kapitalanlagen, von Handwerksaufträgen bis Reisen.

2) Konsum: 50plus ist kein Randmarkt, sondern Schwergewicht.
Die GIM (Gesellschaft für innovative Marktforschung) bringt es in einem aktuellen Beitrag ziemlich klar auf den Punkt: Über 50 Jährige verantworten rund 60 Prozent der privaten Kaufkraft und über die Hälfte der Konsumausgaben in Deutschland.

Und es wird noch konkreter. Eine Studie der ARD Werbung Sales & Services betont in Konsumfeldern besonders hohe Anteile der ab 50 Gruppe, etwa im Lebensmitteleinzelhandel und bei Elektrogeräten sowie im Automobilbereich.

Wenn Unternehmen weiter so tun, als sei „relevant“ gleich „unter 35“, ist das kein Stilproblem. Das ist ein betriebswirtschaftlicher Fehler.

3) Erbschaften und Schenkungen: der große Vermögenstransfer läuft längst.
Ein Machtfaktor, der oft unter dem Radar bleibt, ist der Generationentransfer.

Nach Angaben von Destatis wurden 2023 Vermögensübertragungen durch Erbschaften und Schenkungen in Höhe von 121,5 Milliarden Euro veranlagt, ein neuer Höchstwert.
Für 2024 meldete Destatis außerdem eine Rekordsumme bei der festgesetzten Erbschaft und Schenkungsteuer von 13,3 Milliarden Euro.

Das hat zwei Folgen, die viele unterschätzen:

  • Familienentscheidungen werden finanziell stark von älteren Jahrgängen geprägt, oft ganz still, ohne großes Gerede.
  • Politische Debatten über Steuern, Pflegekosten, Wohneigentum und Förderung hängen immer stärker an genau diesen Bewegungen.

Warum diese Macht so oft übersehen wird: überkommene Altersbilder, Ageismus, alte Medienlogik

Hier kommen wir zum kulturellen blinden Fleck. In vielen Köpfen löst das Wort „alt“ Reflexe aus: Gebrechlichkeit, Rückzug, Pflegeheim, Defizit. Das ist ein Teil der Realität, aber eben nur ein Teil.

Die Bundesregierung versucht seit Jahren, differenziertere Altersbilder zu fördern, etwa mit der Initiative „Neue Bilder vom Alter“.

Trotzdem bleibt Ageismus zäh. Die Antidiskriminierungsstelle des Bundes beschreibt Altersdiskriminierung als verbreitetes Problem in verschiedenen Lebensbereichen, von Arbeit bis Versorgung.


Und während der Coronazeit wurde vielfach kritisiert, dass ältere Menschen in der Berichterstattung oft einseitig als Schutzobjekte und Risikogruppe dargestellt wurden, was Stereotype verstärken kann.

Die Medienfalle ist doppelt:

  • entweder „die armen Alten“
  • oder das Gegenteil: „die superfitten Best Ager“ als neues Ideal

Beides ist bequem, beides ist klickbar, beides ist zu grob. Die Realität ist dazwischen und viel breiter.

Digitale Macht: wer online ist, ist sichtbarer und handlungsfähiger

Digitale Teilhabe ist heute nicht „nice to have“. Sie entscheidet über den Alltag 50plus.

Die SIM Studie 2024 zeigt: 87 Prozent der Menschen ab 60 sind online, bei 80plus sind es 62 Prozent.

Das bedeutet: Termine, Bankgeschäfte, Information, Navigation, Gruppen, Engagement, Hilfe organisieren, Kontakt halten, alles wird leichter, wenn du digital handlungsfähig bist.

Gleichzeitig gilt: Es gibt weiterhin Menschen, die unsicher sind oder keinen Zugang haben. Genau deshalb gibt es Initiativen wie den DigitalPakt Alter, ein Bündnis zur Stärkung digitaler Teilhabe älterer Menschen.

Die unterschätzte Pointe: Digitale Kompetenz ist nicht nur Technik. Sie ist ein Machtverstärker. Wer digital klarkommt, wird weniger übersehen, fällt weniger durch Raster, kann mehr vergleichen, mehr auswählen, mehr mitreden.

Online Kontakte und Offline Kontakte: was wirklich gegen Einsamkeit hilft

Jetzt der Teil, bei dem viele hoffen, es gäbe eine einfache Antwort. Gibt es nicht. Aber es gibt ein klares Muster.

Forschung zu Kommunikationstechnologien im Alter zeigt insgesamt: Digitale Tools können Einsamkeit reduzieren und Wohlbefinden stärken, aber die Wirkung hängt stark davon ab, wie sie genutzt werden und ob sie reale Beziehungen ergänzen statt ersetzen.

Offline Kontakte sind emotional dichter.
Blickkontakt, Berührung, gemeinsam etwas tun: Das sind die Dinge, die unser Stresssystem runterfahren und Bindung wirklich aufladen. Offline Netzwerke sind deshalb weiterhin der stabilste Schutzfaktor.

Online Kontakte sind eine brillante Ergänzung.
Für Entfernung, Mobilitätseinschränkungen, spontane Hilfe, Gruppen mit gleichen Interessen, Verabredungen. Gerade Videoanrufe und soziale Interaktion können sinnvoll sein, wenn sie Verbindung schaffen und nicht nur „screen time“ füllen.

Risiko: digitale Einsamkeit.
Wenn online zum Dauerersatz wird, wenn nur noch konsumiert wird statt zu interagieren oder wenn soziale Vergleiche das Selbstwertgefühl drücken, kann das ins Gegenteil kippen. Genau deshalb ist „je mehr desto besser“ bei Social Media eine schlechte Lebensregel.

Ein Praxissatz, der sich bewährt: online verabreden und austauschen, offline vertiefen.

Was du konkret mitnehmen kannst

1) Unterschätze deine Stimme nicht.
Wenn ältere Jahrgänge einen so großen Teil der Wahlberechtigten stellen, ist politischer Einfluss keine Theorie, sondern Alltag.

2) Unterschätze deinen Marktwert nicht.
Du bist nicht „Rest“. Du bist Kunde, Auftraggeber, Entscheider, Bewerter, Weiterempfehler. Und ja, auch Trendverstärker. Unternehmen, die 50plus ernst nehmen, bauen stabiler.

3) Unterschätze deine Sichtbarkeit nicht.
Du musst kein Influencer werden. Aber du kannst online Räume besetzen, in denen sonst über dich statt mit dir gesprochen wird. Und du kannst digitale Tools so nutzen, dass sie dein echtes Leben leichter machen, nicht kleiner.

Was Wirtschaft und Politik jetzt kapieren müssen

  • Weg von der Einheitszielgruppe. Segmentierung nach Lebenslage schlägt Segmentierung nach Kalenderzahl.
  • Weg von Klischees. Weder Mitleid noch Fitnesskult trifft die Mehrheit.
  • Produkte und Services müssen alterstauglich sein, ohne alt auszusehen: gute Lesbarkeit, klare Sprache, echte Unterstützung, faire Verträge.
  • Digitale Teilhabe ist Infrastruktur. So wie Bus und Bahn. Digitalpakt, Lernorte, Hilfe in Kommunen: Das ist kein Hobby, das ist Demokratiepflege.

Fazit: „ältere Leute“ sind nicht die Zukunft, WIR sind die Gegenwart!

Die wichtigste Korrektur ist simpel: „Ältere Leute“ sind nicht der „Nachspann“ der Gesellschaft. Wir sind ein tragender Teil der gesellschaftlichen Mitte. Und unsere Macht besteht nicht nur aus Geld und Wahlzetteln. Es ist Erfahrung, Netzwerk, Zeit, Engagement und oft auch die Fähigkeit, Dinge langfristig zu denken.

Es ist Zeit, uns Menschen über 50 wirklich erst zu nehmen.

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